[Rezension] Das achte Leben (für Brilka) – Nino Haratischwili

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Irgendwie nimmt man sich ja immer vor, mal über den eigenen Bücherrand zu blicken, sich außerhalb seiner literarischen Comfort Zone zu bewegen und Neues zu probieren. Beim nächsten Bibliotheksbesuch oder Bummel durch das Buchgeschäft ist man auch immer noch hoch motiviert – und greift dann schließlich doch wieder zum Lieblingsautor oder Lieblingsgenre.

Da kam mir eine Aktion in einem meiner bevorzugten Leseforen grade recht: Die Teilnehmer der Aktion lesen ein Lieblingsbuch eines anderen Teilnehmers (oder mehrere – drei Bücher wurden einem zugelost, alles anonym). Und so kam es, dass ich Das achte Leben von Nino Haratischwili las. Was für ein Glück, dass ich an dieser Lesekation teilnahm, denn sonst wäre ich wohl nie in den Genuss dieses Buches gekommen.

Über die Autorin. Nino Haratischwili wurde 1983 in Tbilissi/Georgien geboren und lebt heute in Hamburg. Sie preisgekrönte Theaterautorin und Regisseurin und schreibt auf Deutsch. Ihr Debütroman Juja (2010) schaffte es auf die Longlist des Deutschen Buchpreises.

Über das Buch. In Das achte Leben erzählt Niza ihrer Nichte Brilka die Geschichte der Familie Jaschi, ihrer Familie. Die fast 1300 Seiten des Buches teilen sich auf acht Kapitel auf, jedes Kapitel ist einem Mitglied der Familie Jaschi gewidmet, beginnend mit Stasia, Brilkas Urur-Großmutter. Stasia wird im Jahr 1900 in Georgien als Tochter eines wohlhabenden Schokoladenfabrikanten geboren. Die Geschichte ihrer Familie ist geprägt von den Wirren des 20. Jahrhunderts: der Erste Weltkrieg, die Oktoberrevolution, der Zweite Weltkrieg, die Sowjetunion und ihr späterer Zerfall – all diese Zeiten durchleben die Jaschis, sie lieben und sie leiden. Jede Generation hat mit ihren eigenen Dämonen zu kämpfen, immer wieder schlägt das Leben grausam zu und immer wieder finden die Jaschis ihren eigenen Weg, diesem zu trotzen. Und immer wieder greifen die Frauen der Familie Jaschi auf die Geheimrezeptur für heiße Schokolade des Schokoladenfabrikanten zurück. Die heiße Schokolade, die nicht nur himmlischen Genuss verspricht, sondern laut Stasia auch verflucht ist und Unglück über die Menschen bringt.

Nino Haratischwili hat ein großartiges Familien-Epos erschaffen, in dem die Geschichte und das Schicksal der Familie Jaschi eng mit der Geschichte des 20. Jahrhunderts in Georgien bzw. Russland verwoben wird. Auch politische Persönlichkeiten finden Erwähnung, jedoch werden sie nie beim Namen genannt, sondern von Nino Haratischwili sehr treffend umschrieben. Überhaupt hat mich Nino Haratischwilis Erzählkunst völlig in ihren Bann gezogen. So kraftvolle, poetische und intensive Worte, die einen mit einer solchen Wucht erfassen, habe ich bisher in nur wenigen Büchern gefunden. Man liest nicht einfach nur ein Buch über die Familie Jaschi, man lebt mit ihnen. Man leidet mit ihnen. Und man hofft mit ihnen. Gut eine Woche habe ich für die 1300 Seiten gebraucht (da macht sich der E-Reader echt bezahlt!) und es war eine emotionale Achterbahn. Kaum hatte ich das Buch zugeklappt, hatte ich das Gefühl, erst einmal tief durchatmen und alles verarbeiten zu müssen. Gleichzeitig aber wollte ich sofort weiterlesen und meine Zeit mit Stasia, Christine, Kitty, Kostja, Elene, Giorgi und wie sie alle heißen verbringen. Das achte Leben ist ein Buch, das man irgendwann ins Regal stellt, aber das einen trotzdem nie ganz verlässt. Und immer, wenn der Blick an dem Buch hängen bleibt, ist man geneigt leise zu flüstern „Damals, Stasia, Christine und Kitty…. Wisst ihr noch?“

Das achte Leben (für Brilka) / Nino Haratischwili / 1280 Seiten (gebundene Ausgabe) / erschienen bei der Frankfurter Verlagsanstalt (1. September 2014, gebundene Ausgabe) / ISBN-10: 362700208 3 / ISBN-13: 978-3627002084 / 34,00€

 

 

 

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