[Rezension/Review] Maestra – L. S. Hilton

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maestrablog

Die Ich-Erzählerin Judith Rashleigh hat sich aus einfachen Liverpooler Verhältnissen mit viel Ehrgeiz, eisernem Willen und Engagement hochgearbeitet. Ihr Scouse-Akzent ist dem BBC-Englisch gewichen, sie spricht drei Sprachen fließend, hat einen Oxbrdige-Abschluss und eine Anstellung in einem der besten britischen Auktionshäuser. Nebenbei arbeitet sie noch als Hostess in einem exklusiven Londoner Club. Als sie einem Betrug im Auktionshaus auf die Spur kommt, wird ihr gekündigt. Ein Klient aus dem Club lädt sie daraufhin zu einem Wochenende nach Südfrankreich ein. Als dieser Klient eines Morgens tot im Bett liegt, findet sich Judith in einem Strudel gefährlicher Ereignisse wieder. Und plötzlich sieht sie ihre Chance für Rache gekommen.

Obwohl alles sehr vielversprechend klingt und es mir sehr gefällt, dass dieser Thriller in der Welt der Kunst, Kunsthändler und Auktionshäuser spielt, so konnte mich das Buch letztendlich doch nicht überzeugen. Und dafür gibt es folgende Gründe.

Der Stil und die Sprache: Das ständige Brand Dropping, wie es so schön Neudeutsch heißt ist mir besonders unangenehm aufgefallen. L. S. Hilton (bzw. die Ich-Erzählerin Judith Rashleigh) nennt wirklich alles ganz genau beim Namen. So hebt Judith noch einmal hervor, in welchen Kreisen sie sich jetzt bewegt, und wie weit sie ihre Wurzeln hinter sich gelassen hat. Zu jedem einzelnen Kleidungsstück wird der Designer, am besten auch noch die Kollektion genannt. Im Restaurant wird genau aufgezählt, was verzehrt wird, der Wein wird nicht einfach nur erwähnt, nein, der Leser erfährt auch gleich den Jahrgang und den Namen des Winzers. Kleidung, Schmuck, sonstige Accessoires, Getränke, Gerichte, Zeitschriften, Bücher, Kunstwerke… alles wird stets mit den entsprechenden Designern, Bezeichnungen, Künstlern… usw. versehen. Das ist nicht nur wahnsinnig anstrengend auf Dauer (um nicht zu sagen nervig), man fragt sich auch unweigerlich, was man da eigentlich in den Händen hält: einen Thriller oder eine gebundene Ausgabe der InStyle?

Judith tritt dazu sehr cool und abgebrüht auf. Sie bedient sich einer sehr sarkastischen Sprache und Wortwahl, beschreibt die Kreise, in denen sie sich bewegt, recht abfällig und macht sich über die Menschen um sie herum lustig, verachtet sie geradezu. Trotzdem aber wirkte es auf mich immer so, als wünschte sie sich insgeheim, dazuzugehören und als eine der ihren akzeptiert zu werden. Sie versucht mit aller Macht, dem Bild einer jungen Frau aus der Londoner Upper Class zu entsprechen, hat aber gleichzeitig nur Verachtung für eben jene Kreise über. Mit der gleichen Geringschätzung aber betrachtet sie ihre Nordenglischen Wurzeln. Ich mag Charaktere, die vielschichtig sind. Die nicht einfach schwarz oder weiß sind. Charaktere, die einen überraschen. Es ist klar, dass die Autorin gar keine Sympathieträgerin als Titelheldin schaffen wollte. Judith Rashleigh soll durch ihre Art und ihre Taten ganz bewusst polarisieren und provozieren. Hier aber drängt sich mir leider vor allem der Eindruck auf, als wäre sich L. S. Hilton selbst nicht so sicher gewesen, wie sie ihre Romanheldin denn nun konzipieren solle, damit ihre Idee aufgeht. So erscheint der Charakter der Judith Rashleigh leider sehr hölzern und erzwungen.

Und dann das Tempo. Der Thriller nimmt unheimlich schnell an Fahrt auf, er rast dahin…. aber es passiert nichts. Es passiert einfach nichts! Nach knapp der Hälfte des Buches ist noch kaum etwas geschehen, die wirklich wichtigen Punkte (der Betrug im Auktionshaus, der Tod des Klienten) werden kurz und knapp abgehandelt. Zwar kommen sie natürlich immer wieder zur Sprache und tragen die Handlung, aber es fehlt jegliche Herleitung, es gibt keinen Spannungsaufbau. Zwei, drei Sätze, OK gut, das reicht. Weiter mit dem Brand Name Dropping. Die Liebe zum Detail, mit der Judith (trotz aller Verachtung) die Britische Upper Class beschreibt, fehlt bei den eigentlich wichtigen Komponenten eines Thrillers hier völlig. Im zweiten Teil des Buches passiert das genau das Gegenteil: Die Ereignisse überschlagen sich. Allerdings erlebt der Leser das in Form einer simplen, lieblosen Aneinanderreihung der Ereignisse.

Auch erschließt es sich mir nicht, warum unbedingt noch der exklusive Hostessen Club in den Thriller aufgenommen werden musste. Meiner Meinung nach ist diese Komponente absolut überflüssig. Der Zweck, den dieser Club für die Handlung erfüllt, hätte auch anders – logischer! – erreicht werden können. Auch alle anderen erotischen Komponenten des Buches wirken seltsam fehl am Platz.In der Gesamtheit wirkt das alles doch sehr konstruiert, steif und unrund.

Schade um den Thriller, die Idee ist gut. Der Rahmen ist toll. Aber die Umsetzung ist leider total fehlgeschlagen.

* Ich habe das Buch als E-Book über Netgalley bekommen

 

ENGLISH VERSION

Judith Rashleigh has worked hard to leave her Liverpool upbringing behind. She’s young, ambitious, tough, and fluent in three languages and holds an Oxbridge degree in Art History. She has exchanged her Scouse accent for proper BBC English and works in one of London’s finest auction houses. For a bit of extra thrill (and extra money) she started working at an exclusive club in London.  When she discovers fraud in the auction house she loses her job and one of the wealthy clients from the club takes her to Nice for the weekend. When this client is found dead in his hotel room one morning, Judith finds herself in a dangerous entanglement of events.

The art world, auction houses… This all sounds like a very promising setting for a thriller, however, the book itself does not live up to it.

The style and the language for example: The constant brand name dropping! Everything, really every single thing in the book comes with its respective brand name. It’s not just a dress, it’s a Ralph Lauren dress. It’s not just a bag, it’s a Chanel bag (add collection + year), it’s not just water, it’s a bottle of Perrier. Every effing thing comes with a (designer) brand name. Surely the author chose this style to put more emphasis on Judith’s life now and her roots back in Liverpool. But seriously, it’s making my head dizzy! And it’s making me wonder what I’m really holding in my hands here: a thriller or a hard copy edition of InStyle Magazine?

Judith is a very tough and cool person. Her language is sarcastic and she describes the circles she moves in in a very disrespectful way and speaks lightly of the people she works and interacts with every day. She despises them and their upper class way of life. However, I got the impression that secretly Judith wants nothing more than to be part of their world. She tries really hard to keep up the image of a successful young urban professional from London’s elite art circles and hides her northern upbringing. She despises her Scouse roots but at the same time bears nothing but disrespect and contempt for her colleagues at work. Now, I do like characters that are not just black or white. I like multi-layered characters that are full of surprises. Here however it seems to me that the author L. S. Hilton had no idea how to define and shape the character of Judith Rashleigh and therefor she’s neither this nor that. She’s some incoherent flexible thing that slips and slides around between everything.

And then there’s the pace. The book takes up pace really quickly but…. Nothing happens! Really, except for a gazillion names and brands I now know there’s not much going on. When I was halfway into the book hardly anything had happened. The really important events of the thriller were waved aside in two or three sentences. Let’s not waste too much space, we need to do some more brand name dropping here pronto! And on it goes…  This makes the plot weird, confusing and utterly incoherent. That’s also how the characters act. And why L. S. Hilton introduced the elite London club that Judith works at to the plot is a mystery to me. It makes no sense. Just as the whole book makes no sense. Unfortunately, because the idea and the setting really are quite interesting and promising.

Maestra von L. S. Hilton / 384 Seiten / Piper Paperback / Mai 2016 / 14,99 € broschiert

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